Familie Krüger aus Bernburg hatte in ihrer Altbauwohnung, Baujahr 1936, seit Jahrzehnten keine Schimmelprobleme – bis im März neue Kunststofffenster eingebaut wurden. Sechs Wochen später: dunkle Verfärbungen im Schlafzimmer, an der Außenwand hinter dem Bett. Was war passiert? Die alten Holzfenster hatten trotz ihrer schlechten Wärmedämmung dauerhaft kleine Mengen Frischluft infiltriert – unkontrolliert, aber ausreichend, um die Raumluftfeuchte zu regulieren. Die neuen Fenster dichteten diese ungewollten „Lecks" vollständig ab. Die Raumluft wurde feuchter, die Kondensation an der kältesten Stelle der Außenwand begann. Die Lösung: regelmäßiges Stoßlüften und ein Lüftungsventil im Fensterrahmen für 45 Euro – seitdem schimmelfrei. Aufklärung durch den Fensterbauer wäre hier Pflicht gewesen.
Das Phänomen: 40 Jahre kein Schimmel – nach neuen Fenstern schon
Es ist einer der häufigsten Anrufe bei uns: „Wir haben letztes Jahr neue Fenster bekommen – jetzt schimmeln plötzlich die Schlafzimmerecken. Die alten Fenster waren 40 Jahre drin und nie war was!" Die Reaktion der Beteiligten ist vorhersehbar: Der Fensterbauer verweist aufs Lüftungsverhalten, der Bewohner fühlt sich zu Unrecht beschuldigt.
Die unbequeme Wahrheit: Beide können Recht haben. Der Fenstertausch hat die Bauphysik des Hauses fundamental verändert – und niemand hat es den Bewohnern erklärt.
Die Physik dahinter: Zwangslüftung ist weggefallen
Alte Fenster mit verzogenen Falzen und müden Dichtungen waren ungewollte Dauerlüfter: Durch die Fugen strömten – je nach Zustand – mehrere komplette Luftwechsel pro Tag, völlig automatisch. Diese „Fugenlüftung" hat jahrzehntelang die Feuchte abtransportiert. Energetisch eine Katastrophe, für den Feuchteschutz aber bequem.
Neue Fenster mit zwei umlaufenden Dichtebenen sind praktisch luftdicht. Die Feuchteproduktion des Haushalts (6–12 Liter täglich) bleibt gleich – aber der automatische Abtransport ist weg. Die Feuchte sammelt sich in der Raumluft und kondensiert an den kältesten Stellen.
Wer haftet? Die Aufklärungspflicht
Juristisch interessant: Fensterbauer müssen nach gefestigter Rechtsprechung auf die veränderten Lüftungsanforderungen hinweisen – und nach DIN 1946-6 stellt sich beim Fenstertausch in vielen Fällen die Frage nach einem Lüftungskonzept. Wurde weder aufgeklärt noch ein Konzept angeboten, hat der Betrieb ein Problem, wenn Schimmel auftritt.
In der Praxis hilft Schuldzuweisung aber selten weiter – wichtiger ist die saubere Ursachenklärung: Liegt es wirklich nur am veränderten Luftwechsel, oder kamen Einbaufehler dazu (undichte Anschlussfuge, fehlende Laibungsdämmung, beschädigte innere Abdichtung)? Genau das klärt unsere Messtechnik: Thermografie der Laibungen, Luftdichtheitsmessung der Anschlussfugen, Feuchteprofil der Wand.
Was jetzt hilft: die Lösungs-Treppe
Von günstig nach aufwendig – meist reicht Stufe 1 + 2:
- Stufe 1 – Lüftungsroutine anpassen: 3–4× täglich Stoßlüften (morgens quer!), Feuchtespitzen direkt ablüften, Hygrometer zur Kontrolle: Ziel 40–60 %. Anleitung: Richtig lüften.
- Stufe 2 – Möblierung & Heizung: Betroffene Außenwände freiräumen (Möbelabstand), alle Räume mindestens 16–17 °C halten, Türen zu kühlen Räumen schließen.
- Stufe 3 – Fensterfalzlüfter: Nachrüstbare Lüftungselemente im Fensterfalz stellen einen Grund-Luftwechsel her – oft die pragmatische Lösung, wenn Stufe 1 im Alltag nicht durchgehalten wird. Kosten: 30–80 € je Fenster.
- Stufe 4 – Dezentrale Lüfter: Bei hartnäckigen Fällen (Schlafzimmer, Bad ohne Fenster) schaffen dezentrale Geräte mit Wärmerückgewinnung dauerhaft Abhilfe. Mehr: Lüftung mit WRG.
- Stufe 5 – Wärmebrücken entschärfen: Wenn Laibungen oder Ecken bauphysikalisch zu kalt sind, hilft nur dämmen – von der Laibungsdämmplatte bis zur Fassadendämmung. Erst messen, dann investieren.
Schimmel nach Fenstertausch – Ursache klären lassen
Wir messen, ob Lüftung, Einbaufehler oder Wärmebrücke die Ursache ist – neutral, belastbar, mit Bericht. Auch als Grundlage für Gespräche mit dem Fensterbauer.
Ursachenklärung anfragen Zum SchimmelgutachtenHäufige Fragen
Nicht zwingend – meist ist der weggefallene Luftwechsel die Hauptursache. Aber Einbaufehler kommen vor und verstärken das Problem: undichte oder fehlende innere Anschlussfolie, keine gedämmte Laibung, Hohlräume im Anschluss. Die Kombination aus Thermografie und Luftdichtheitsprüfung trennt sauber zwischen „Physik" und „Pfusch".
Beim Austausch von mehr als einem Drittel der Fenster ist nach DIN 1946-6 ein Lüftungskonzept zu erstellen, und auf veränderte Lüftungserfordernisse muss hingewiesen werden. Fehlt beides und es schimmelt, stärkt das Ihre Position erheblich – dokumentieren Sie, was Ihnen übergeben wurde.
Für den Feuchteschutz in normal genutzten Wohnungen oft ja – sie stellen die „Grundlüftung" sicher, die früher die undichten Fugen geleistet haben, nur kontrolliert. Bei hoher Feuchtelast (viele Personen, Wäschetrocknung) oder sehr kalten Wandoberflächen stoßen sie an Grenzen; dann Stufe 4/5 der Lösungs-Treppe.